Die Gisliflue erfahren

In den Weihnachtsferien habe ich das Laufen zu besonderen Erlebnissen werden lassen. Ich ging sieben Mal denselben Weg bei jedem Wetter. Das brachte mich in die Natur und in die Kälte.

 

Die Gisliflue ist von meinem Wohnort aus die am schnellsten erreichbare Bergerhebung. Das war den Weg den ich wiederholt gehen wollte und schrieb hier auf was dabei geschah. In die Natur gehen geht immer, es gibt keine Entschuldigungen oder Ausreden: Bei Nacht und Vollmond, bei 10°C und bei Minustemperaturen, bei Nebel, bei Wind und Regen, im Neuschnee oder bei Sonnenschein. Diese Wetterbedingungen waren in den 16 Tagen vertreten. Ich bin jeweils locker gelaufen und einmal, zur Abwechslung, wanderte ich zusammen mit meiner Familie hinauf und wir rasteten oben angekommen bei einem Gipfelfeuer.

 

Die Gisliflue (772m) ist eine Bergerhebung im Kettenjura im Kanton Aargau der sich nördlich des Aareknies bei Wildegg befindet. Der Gipfel der Fluh wurde von Büschen und Bäumen gerodet, so dass häufig ein tolles rundum Panorama genossen werden kann. Der markante Triangulationspunkt auf dem Gipfel ist von Aarau und Umgebung weither erkennbar. Der Gipfel ist nur rund 400 Höhenmeter über dem Aareufer. Für die Strecke von der Aare bei Biberstein rauf auf den Gipfel und wieder zurück braucht es locker laufend ca. 50 Minuten, je nach Bodenbeschaffenheit. Bei Neuschnee beispielsweise war der Aufstieg deutlich anstrengender und entsprechend langsamer.

 

Kurz nach Beginn des Aufstiegs verlässt der Weg die Häuser von Biberstein und führt zuerst an ein paar Wiesen vorbei in den Wald hinein. Der Weg verläuft auf Forstwegen oder alternativ auf Trampelpfaden hinauf. Der Atem ist tief und das kontinuierliche Lesen des Bodens mit den Augen und den Fusssohlen antizipiert blitzartig nasse Wurzeln, Steine, matschige Stellen oder von Laub überdeckte Bodenunebenheiten. Der Atem geht tief und verstärkt sich, wenn der Weg steiler wird. Die Schritte werden kürzer. Ich spüre die kühle Luft auf der Haut und die Wärme im Körper, die Beschaffenheit des Bodens mal weich, mal hart, glitschig, griffig, fest, lose, schief, flach, trocken oder nass. Ich höre den Wind in den Bäumen, den Schrei eines Vogels, die Tritte auf dem matschigen Boden, meinen tiefen Atem oder die Stille im Neuschnee. Der Tannenduft liegt in meiner Nase. Ich habe dabei oft keine Gedanken, keine Gefühle, dann bin ich im Flow-Zustand*. Alles ist gleichzeitig da. Mein Körper ist da, der Pfad, der Wald, die Luft. Das Atmen, das Armschwingen, der Druck der Füsse auf dem Boden bei jedem Schritt und der Moment wo meine Augen in den Wald spähen. Es ist, als ob alles in mir ist. Dann bin ich Teil des Waldes und laufe langsam weiter hinauf im Flow.

 

Jäh werde ich aus diesem Fluss herausgerissen als ich vorne eine Gestalt in Windjacke, Kappe und Handschuhen erkenne. Was macht diese Person zu dieser späten Abendstunde alleine noch im Wald? Was denkt er wohl über mich, der da spärlich in Jogginghosen mit Rucksack auf dem nackten Oberkörper den Hang hinaufschnaubt? Diese und andere unpassenden Gedanken jagen kurz durch meinen Kopf bis ich freundlich Grüsse und wir beide unseres Weges gehen. Er hinunter ich den Pfad hinauf.

 

Obwohl ich am Oberkörper nichts oder nur ein Shirt trage ist mir nicht kalt. Ich trage jedoch Kappe und Handschuhe. Die Haut ist kalt doch mir ist es warm. Die Kälte der Luft so direkt am Leib zu spüren ist ein weiterer Aspekt, welcher fasziniert. Es vermittelt rohe Wirklichkeit, Echtheit, dann aber auch erstaunt es mich wieder warum ich oben angekommen immer noch warm habe.

 

Oben auf dem kleinen Gipfel angekommen, verchnaufe ich kurz, sehe mich um, was es zu sehen gibt - je nach Tageszeit und Wetter mal mehr und mal weniger. Dann mache ich ein paar Selfies für diesen Blog-Artikel und falle gleich darauf wieder in den Hang und zurück in den Wald. Mit trippelnden, schnellen Schritten, mit den Armen ausbalancierend atme ich wieder rhythmisch und tief auf dem Wanderpfad und gebe Acht, nirgends auszurutschen. Schnell bin ich wieder im Fluss, voll bei mir, verbunden mit dem Weg, dem Wald, der frischen Luft. Das rhytmische Atmen ist wie Wellen in den Baumwipfeln. Obwohl das Runterlaufen vermeintlich weniger anstrengend erscheint, ist mein Atem tief. Ich laufe schneller und bin noch konzentrierter, mitten im Wald, 2-3 Meter vor mir blickend, unablässig den Boden lesend und den Körper machen lassen, den Hügel runter zu kommen - ja, fast schon fliessend.

 

Es gibt viele andere Jura-Hügel zum Wandern und Laufen. Ich habe die Gisliflue ausgewählt, weil sie nahe liegt und damit ich wiedererkennbare Fotos machen kann für diesen Blog. Nur unser Geist verlangt nach Abwechslung und immer neuen Eindrücken. Der Flow-Zustand tritt bei jedem Gang auf die Gisliflue ein. Der Weg war immer derselbe, der Wald auch, die Tageszeit und das Wetter jedoch waren immer wieder anders und meine Schritte und Fussabdrücke wohl auch. Auch bei scheinbar gleichem Weg lässt sich eine starke Verbindung mit der Umwelt eingehen und ein Flow-Zustand erreichen, wenn die Aktivität von genügend grosser Intensität ist. Als ich gemütlicher mit der Familie auf die Gisliflue gewandert bin, war die Qualität des Gehens anders, weniger im Flow-Sein dafür mit mehr Gemeinschaftlichkeit, Gedanken, Gefühlen; schwatzend, schweigend, wandernd.

 

Sieben Mal auf die Gisliflue zu laufen ist eine kleine Serie, welche nun endet. Die Gisliflue als Teil des Juraparks ist einer der vielen kleinen Höhepunkte im Kettenjura. In den nächsten Wochen werde ich wohl auch andere Punkte anpeilen. Es locken die Wasserflue, die Geissfluh, die Hombergegg, das Benkersjoch dann rüber zur Staffelegg und viele andere zum Laufen im "Fluss" des Waldes.

 

* Flow-Zustand: Flow (englisch „Fließen, Rinnen, Strömen“) bezeichnet das als beglückend erlebte Gefühl eines mentalen Zustandes völliger Vertiefung (Konzentration) und restlosen Aufgehens in einer Tätigkeit („Absorption“), die wie von selbst vor sich geht – auf Deutsch in etwa Schaffens- bzw. Tätigkeitsrausch oder auch Funktionslust. (Wikipedia.)

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